Traumatherapie (SE)
Trauma kann ein einzelnes Ereignis sein – muss es aber nicht
Trauma kann durch ein einzelnes, klar erlebtes Ereignis entstehen – muss es aber nicht.
In belastenden Situationen aktiviert der Körper automatische Schutzmechanismen wie Kampf, Flucht oder Erstarren. Wird die dabei mobilisierte Energie nicht vollständig verarbeitet, kann sie im Nervensystem gebunden bleiben. Die Traumatherapie nach Somatic Experiencing (SE) unterstützt dich dabei, diese Prozesse über den Körper schrittweise zu regulieren und neue Stabilität zu entwickeln.
Wie reagiert der Körper auf Belastung?
Gerät ein Mensch in eine stark belastende oder bedrohliche Situation, aktiviert der Körper ein angeborenes Notfallprogramm. Dabei werden grosse Energiemengen bereitgestellt für drei grundlegende Reaktionen:
- Fight (Kampf) – Energie für Abwehr und Durchsetzung
- Flight (Flucht) – Energie für Bewegung und Rückzug
- Freeze (Erstarren) – starke Aktivierung, die zu Blockade oder Immobilität führen kann
Kann diese Energie vollständig umgesetzt und wieder entladen werden, findet der Körper eher zurück in seinen natürlichen Zustand. SE beschreibt besonders auch die Rolle von Freeze, wenn Kampf oder Flucht nicht möglich sind.
Warum bleibt Energie im System gebunden?
Oft ist es jedoch nicht möglich, diese Energie auszuleben oder zu vervollständigen.
- Beim Kampf können innere Überzeugungen, Angst vor Folgen oder frühe Erfahrungen die Reaktion hemmen.
- Bei der Flucht können Gedanken auftauchen wie: „Weggehen löst das Problem nicht“ oder „Ich will nicht wieder scheitern“.
- Beim Erstarren kann die Aktivierung so stark sein, dass keine Handlung mehr möglich ist.
So entsteht ein innerer Konflikt:
Der Körper stellt Energie bereit, gleichzeitig wird sie zurückgehalten.
Was passiert im Nervensystem?
Die nicht umgesetzte Energie kann im Nervensystem gebunden bleiben. Der Körper kann dadurch in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft verbleiben – manchmal dauerhaft im Hintergrund, manchmal durch bestimmte Reize oder Trigger aktiviert.
Das kann sich unterschiedlich zeigen, zum Beispiel durch:
- innere Unruhe oder Anspannung
- Herzklopfen oder vegetative Reaktionen
- Schlafstörungen
- emotionale Belastung oder Rückzug
- Erschöpfung oder Blockadegefühle
"Trauma steckt im Körper, nicht im Ereignis. Der Schlüssel zur Traumaheilung ist nicht, das Trauma wieder zu erleben, sondern neue Erfahrungen im Körper zu schaffen."
Dr. Peter A. Levine
Neben sogenannten Schocktraumata können auch:
- frühe Bindungs- und Entwicklungserfahrungen
- wiederholte Belastungen
- langanhaltender Stress
dazu führen, dass das Nervensystem in erhöhter Aktivierung bleibt. Entscheidend ist dabei weniger nur das Ereignis selbst, sondern auch, wie der Körper darauf reagieren konnte und ob die mobilisierte Energie verarbeitet werden konnte. Das entspricht auch der Levine-/SE-Perspektive, dass Trauma eher mit dem Zustand des Nervensystems als nur mit dem Ereignis zusammenhängt.
Ansatz der Traumatherapie (Somatic Experiencing)
Somatic Experiencing arbeitet körperorientiert und setzt beim Erleben im Hier und Jetzt an.
Zentrale Elemente sind:
- Wahrnehmen von Körperempfindungen
- Orientierung und Sicherheit im aktuellen Moment
- schrittweises Regulieren von Aktivierung
- Vervollständigen natürlicher Reaktionen
- Aufbau von Ressourcen und innerer Stabilität
Die Begleitung erfolgt achtsam und in deinem individuellen Tempo.
Das SIBAM-Modell
Ein wichtiges Modell innerhalb von Somatic Experiencing ist das SIBAM-Modell. Es beschreibt fünf Ebenen des Erlebens:
- Sensation – Körperempfindung
- Image – innere Bilder
- Behavior – Verhalten
- Affect – Gefühle
- Meaning – Gedanken / Bedeutung
Diese Ebenen helfen dabei, Erfahrungen ganzheitlich wahrzunehmen und schrittweise zu integrieren. SIBAM wird in Darstellungen zu SE als zentrales Ordnungsmodell des Erlebens beschrieben.
Was ist anders als reine Gesprächstherapie?
Während viele Therapieformen stark über das Gespräch arbeiten, bezieht SE bewusst den Körper mit ein. Das Verstehen ist hilfreich – entscheidend ist jedoch das Erleben und Üben neuer Regulation.
Das Buch von Peter A. Levine
Ein vertiefter Einstieg in diesen Ansatz findet sich im Buch von Peter A. Levine:
„Sprache ohne Worte – Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt“. Der deutsche Titel wird so im Buchhandel geführt.
Das Buch lohnt sich für Menschen, die die Zusammenhänge zwischen Körper, Nervensystem und Trauma besser verstehen möchten. Gleichzeitig ersetzt Lesen nicht die Erfahrung: Neue Regulation entsteht vor allem durch praktisches Erleben und Üben.
Für wen ist die Traumatherapie geeignet?
Die Begleitung kann sinnvoll sein, wenn du z. B.:
- dich häufig angespannt oder überfordert fühlst
- unter Ängsten oder Vermeidungsverhalten leidest
- das Gefühl hast, festzustecken
- nach belastenden Erlebnissen Veränderungen bemerkst
- schlecht schlafen kannst
- dich innerlich unruhig oder erschöpft fühlst
Ziel der Begleitung
Ziel ist es, dich dabei zu unterstützen, dein Nervensystem besser zu regulieren und mehr Stabilität und Flexibilität im Alltag zu entwickeln.
Wichtiger Hinweis
Die Traumatherapie dient der Unterstützung der Selbstregulation und des allgemeinen Wohlbefindens. Sie ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
"Trauma ist wie Vollgas mit angezogener Handbremse - extrem anstrengend."
Manuela Lüscher, gesund-sein Team
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